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FreiraumTanz Infoportal Bochum
Kohlenstraße besetzt!
Categories: bewegung
Im Rahmen der Aktionstage wurde in Bochum eine leerstehende Stadtvilla für die Nacht zum Sonntag in eine temporäre autonome Zone verwandelt. Unter dem Motto “Tanz in den Freiraum” feierten über hundert Leute eine ausgelassene Party in dem angeeigneten Raum.

Auch in Bochum konnte zu den internationalen Freiraum-Aktionstagen deutlich gezeigt werden, dass es einen Bedarf an Räumen gibt, die frei sind von Konsumzwang und Verwertungsdruck. Es konnte bewiesen werden, dass es in Bochum eine FreiRaumbewegung gibt, die in der Lage ist, sich zumindest temporär Räume anzueignen und mögliche Handlungsspielräume aufzuzeigen. Initiiert wurde die Party vom offenen Projektkreis FreiRaumTanz, der sich für die Aktionstage gebildet hatte.

Im Vorfeld wurde offen zu einer Party eingeladen, die als Treffpunkt genutzt werden sollte. Vor Ort wurde sich gesammelt, gequatscht, und schließlich gab es eine Begrüßung durch FreiRaumTanz, in der auch über die weitere Ablaufplanung für den Abend informiert wurde. So zogen zunächst ca. 70 Leuten  in Gruppen zu einem bereits schick vorbereiteten Objekt in der Kohlenstr. 181 im Bochumer Westen.

Die leerstehende Stadtvilla, die von seinem Besitzer längst dem Verfall überlassen worden war, wurde mit Transparenten und Graffiti verschönert. Es gab eine geräumige chill-out-lounge mit Bar und VoKü, vor dem Eingang konnte Lagerfeuerromantik genossen werden und in einem schallisolierten Keller gab es einen Dancefloor, auf dem es für jeden Geschmack zwischen Rock, Electro und Ragga kräftig auf die Ohren gab (auch wenn mensch sich über die abrupten Stilwechsel nicht immer einig wurde).

Sogar einige NachbarInnen waren von dem Treiben positiv überrascht und beschlossen spontan an der Party teilzunehmen. Nachdem die Feier richtig gut in Schwung gekommen – und mittlerweile mit über hundert Leuten auch gut besucht – war, wurde gegen 0 Uhr auch die örtliche Polizei auf das ungewöhnliche Abendvergnügen aufmerksam. Drei zusammengetrommelte Streifenwagen nahmen Kontakt auf und wussten das Geschehen nicht so recht einzuordnen. Dabei war auch ein Wagen der Bochumer Bereitschafts-Hundertschaft, die allerdings bereits den ganzen Samstag über mit übermütigen Fussballfans beschäftigt war. Es wurde eine Weile vermittelt und verhandelt. Die Polizei forderte schließlich, das Gelände begehen zu können, um sich einen Eindruck von der Lage zu machen und  vor allem auszuschliessen, dass mensch sich dauerhaft im Haus einrichtet. Dies wurde im Vorhinein aufgrund des schlechten Zustands der Bausubstanz bereits weitgehend ausgeschlossen. So eskortierte mensch drei Beamte über das Gelände und ließ sie, auf eigenen Wunsch hin, aufs Gründlichste mehrere ungenutzte Kellerräume voll Schrott, Unrat und Exkrementen durchstöbern.

Letztendlich wurde lediglich die Forderung aufgestellt, die zwei großen Transparente auf der Frontseite abzuhängen, damit Polizeipräsident Thomas Wenner am Montag nicht mit unangenehmen Bildern in der Presse überrascht und als handlungsunfähig gegenüber Hausbesetzern eingeordnet würde. Diese Forderung hatte zwar nicht sehr viel Sinn, da darauf hingewiesen wurde, dass die Presse bereits Fotos von den Transparenten gemacht hatte; dennoch wurde darauf bestanden. Vermutlich war es eher ein psychologischer Aspekt für die angerückten Polizeistreifen, wenigstens irgendetwas gefordert zu haben. Der Forderung wurde nachgekommen und die Transparente wurden auf die andere Seite des Gebäudes gehängt. Damit war die Aneignung des Raumes bis zum nächsten Tag gesichert.

Auch wenn nicht alle Beteiligten damit zufrieden waren, dass sich überhaupt auf eine Forderung eingelassen wurde. Eine Diskussion über die Zielsetzung und Konzeption derartiger Aktionsformen muss daher fortgesetzt werden. Auf welche Kompromisse kann mensch sich einlassen? Ab wann verliert sich der politische Anspruch in einer reinen Selbstbespaßung? Und wie sind Entscheidungsfindungen auf der Aktion zu gestalten? Die Mehrheit an diesem Abend empfand die Durchsetzung der Party als die eigentliche politische Aktion. Bis in die frühen Morgenstunden konnte das Gefühl einer temporären autonomen Zone erahnbar gemacht werden. Viele neue Verbindungen wurden geknüpft und der durchweg gute Ablauf schaffte eine völlig neue Motivation für die Verteidigung, die Stärkung und den Ausbau von Freiraum-Projekten.

In der Konzeption der Party wurde Menschen, die erst am Abend dazugestoßen waren, vom Vorbereitungskreis der FreiRaumTänzerInnen bereits ein fertiges Konzept vorgelegt. Das hatte den großen Vorteil, dass viele Eventualitäten im Vorhinein geplant werden konnten um einen angenehmen Ablauf zu gewährleisten. Allerdings verengte sich damit der Gestaltungsrahmen am Abend. Es bestand die Gefahr einer Trennung zwischen dem „Wir“ der VorbereiterInnen und den „Besuchern“. Bei einer Aktion dieser Art ist es jedoch schwer, kurzfristig vor Ort zwischen Dancefloor und Theke, mit Bier in der Hand, sinnvolle Gruppenentscheidungen zu treffen. Die Planung geschieht im Vorhinein und Beteiligung möglichst vieler, die auch bereit sind Verantwortlichkeiten zu übernehmen, ist daher ausdrücklich erwünscht. Also schickt uns eure Feedbacks und kommt zu unseren offenen Treffen, vernetzt euch mit uns zum Erfahrungsaustausch, wenn ihr eigene Sachen plant.

Wir werten den gestrigen Abend als großen Erfolg und hoffen, dass alle Beteiligten das für sich ähnlich sehen. Und nicht vergessen: Am nächsten Samstag, den 19.4., findet in Dortmund eine Freiraum-Demo statt. Wir hoffen auf rege Beteiligung und ein freudiges Wiedersehen.

Mit einem solidarischen Luftsprung,
das Nachbereitungstreffen der FreiRaumTänzerInnen

Berichte zur Aktion von Mainstream- und Szenemedien gibt es u.A. bei WAZ, FUB, Indymedia und Berlin-Follies.

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