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Recht auf Stadt
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Im Folgenden dokumentieren wir das im Blog “Land for Free” veröffentlichte Manifest „Zeche Prellen – Recht auf Stadt“. Der Text hat den grandiosen Leerstand im Ruhrgebiet zum Ausgangspunkt, die “Neunte Stadt” als Addition aller Brachflächen der acht größten Ruhrpottstädte und die Frage “Was passiert, wenn nichts passiert”?

Zeche prellen :: Recht auf Stadt

Der Ruhrpott befindet sich im Strukturwandel und inszeniert sich als Kulturhauptstadt Europas 2010. Welche Strukturen sich wie gewandelt haben und von welcher Kultur hier die Rede ist, ist eine spannende Frage. Seit Monaten werden Hoffnung, Mut & local heroes propagiert. Kritik an der Kulturhauptstadt artikuliert sich nur zaghaft. Zu undankbar – bis hin zu zynisch – scheint eine politische Auseinandersetzung mit dem kulturalisierten Spektakel und der herrschenden Stadtpolitik. Und wer kann schon ernsthaft gegen Kreativität, Kunst und Kultur sein? Während die Bewerbung zur Kulturhauptstadt eine Art Mut zur Lücke hatte und außerirdisch anmutende Pilotprojekte, wie „Land for Free“ (www.neueraeume.de) propagierte, hat das offizielle Programm das Projekt fallengelassen, und will von derart subversiven Geschenken nichts mehr wissen.

Was passiert, wenn nichts passiert?

Lücken, Brachen, Freiflächen gibt es mehr als genug im Ruhrpott 2010. Die Addition aller Brach- und Freiflächen der acht größten Ruhrpottstädte ergibt rechnerisch die Fläche einer „neunten“ Stadt (www.ruhr-2030.de/neuntestadt). Die potentielle Nutzung dieser „Freiräume“ mag frei von vielen Dingen sein, eines ist sie jedoch nicht: frei von profitablen Verwertungsinteressen und frei von Eigentumsansprüchen. Demnach gibt es reichlich brach gefallenen (freien) Raum, aber keinen Freiraum, der zur Nutzung bereitstünde. Die Un/möglichkeit, sich der Totalität dieses Prozesses zu entziehen und trotzdem progressiv mit diesem Leben zu arrangieren, ist sicherlich einer der Knackpunkte für städtische soziale Bewegungen in der aktuellen gentrification Debatte.

Es ist die alte Freiraumfrage, die hier drängt: „Land for Free“? Frei von was? Im Kapitalismus ist zuerst die Ware frei, und solange Raum eine Ware ist, ist es Brachland, Bauerwartungsland – was auch immer – aber kein Freiraum für Nutzungen im emanzipatorischen Sinn. Dass politische, soziale, kulturelle, autonome Zentren – sogenannte soziokulturelle Zentren – eine tragende Rolle für die (sub)kulturelle Infrastruktur in einer kreativen Stadt spielen, dürfte unstrittig sein. In einer am 8. Dezember 2009 im Dortmunder Domicil vorgestellten Studie zur Bedeutung soziokultureller Zentren in NRW heißt es: “Mit ihren niederschwelligen Raumangeboten für Künstler/innen etc. und andere Selbstständige dieser Branche leisten soziokulturelle Zentren einen bislang zumeist wenig beachteten und auch seitens der Wirtschaftsförderung der Städte kaum angemessen ‘honorierten’ Beitrag zur endogenen Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft”.

Zeche prellen

Während also klar wird, worum es bei der neuen, flexiblen, kreativen Verwertung von Humankapital in der Stadtentwicklung geht – business as usual – kann man den verantwortlichen Lokalpolitiker/innen im Ruhrpott durchaus Provinzialität anlasten, die der ambitionierten Marketingkampagne zur Metropole Ruhr zuwiderläuft. Was bedeutet das jedoch für 6 Millionen Menschen? Machen sie nicht den Pott zu dem, was er ist? Werden sie die ihnen zugedachte Zuschauerrolle erfüllen und die Zeche zahlen?

Und hier stehen wir und wollen uns keinesfalls von der kreativen Aufbruchstimmung im Ruhrpott verabschieden, aber “verweigern uns dieser Logik” (Mustermensch Duisburg), der “Geschäftsidee” (AG Kritische Kulturhauptstadt), “haben es satt” (ZAKK Düsseldorf), „bewegen uns gegen das Totsparen“ (Schauspielhaus Wuppertal) und “machen den Scheiss nicht mehr mit” (LAG Soziokultur NRW). Wir spielen nicht mehr mit in einem Spiel, nach dessen Spielregeln wir nicht spielen und auch nicht leben können. Gerade der Ruhrpott weiß, was Drecksarbeit ist und kann sich einer kreativen Neudefinition von Arbeit kaum verweigern. Wir wollen uns nicht abwenden von Kreativität, (Sub-)Kultur und progressiver Politik: maximal den Produktionsprozess und seinen Verteilungsmechanismus geben wir gerne preis. Klar sind wir Metropole: und was für eine!

Recht auf Stadt

Wir, die Auszubildenden und Studierenden, Kunst- und Kulturschaffenden, Musiker/innen, Politaktivist/innen, kreativen Selbstausbeuter/innen, die Wohlstandskinder von gestern, prekären Überlebenskünstler/innen von heute und futuristische Avantgarde von morgen sind nicht nur Bestandteil der vielbeschworenen Kreativität, wir sind der Keim, der Motor, der Anfang von Bewegung in der Stadt!

In einer Zeit, wo sich der Staat verselbständigt, entdemokratisiert und die Wohlfahrt erneut der Kirche überlässt, fordern wir unser Recht auf Mitbestimmung, unser Recht auf Stadt! Dieses Recht fordern wir nicht vom Staat, sondern von einer kritischen, demokratischen Öffentlichkeit! Es geht darum, Stillstand und Leerstand in der Stadtentwicklung als das zu benennen, was es ist: die Unfähigkeit globaler Marktkräfte, auf lokale Bedürfnisse der Menschen angemessen zu reagieren. Still- und Leerstand sind nicht nur Symptom, sondern Ausgangs- und Endpunkt für das Armutszeugnis dieser Wirtschaftsordnung.

Wir können uns der Systematik des Marktes nur schwer entziehen, sind unfreiwilliger Teil der Preisspirale, berufen uns aber auf seine demokratische Legitimation und sagen: Wir sind anders! Wir sind Teil der Stadt! Wir sind viele! Und wir brauchen Raum! An freiem Raum mangelt es nicht. Nur wollen wir ihn gebrauchen, statt andauernd meistbietend auszutauschen!

Für eine neue Kultur der Raumnutzung.
Zeche Prellen. Recht auf Stadt!

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